Baubo
Buchempfehlung
Mithu M. Sanyal: "Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" (Wagenbach, Berlin 2009)
Fotos - visuelle Skizzen und Bühnenansicht / speculative bitches / Hau Berlin / 2021
Es gibt eine Geschichte aus der griechischen Mythologie, die selten erzählt wird. Eie Geschichte über eine Geste, die heute als obszön gelten würde, die einst als “heilig” galt – als lebensspendend, als kraftvoll genug, um die Welt vor dem Untergang zu retten.
Die Geschichte beginnt mit Trauer.
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Es gibt eine Geschichte aus der griechischen Mythologie, die selten erzählt wird. Eine Geschichte über eine Geste, die heute als obszön gelten würde, die aber einmal als "heilig" galt – als lebensspendend, als kraftvoll genug, um die Welt vor dem Untergang zu retten.
Die Geschichte beginnt mit Trauer. Demeter, die Göttin der Fruchtbarkeit und des Getreides, hat ihre Tochter Persephone verloren. Hades, der Gott der Unterwelt, hat sie entführt. Demeter ist in ihrer Verzweiflung so tief versunken, dass sie alles Leben von der Erde zurückzieht. Die Felder verdorren, nichts wächst mehr, die Menschen hungern.
Schließlich kommt Demeter nach Eleusis. Dort nimmt eine Frau namens Baubo sie auf. Baubo versucht alles, um die Göttin zu trösten – doch Demeter will nichts trinken, nichts essen. Keine Worte können sie erreichen. Da greift Baubo zu einem anderen Mittel: Sie hebt ihr Kleid und entblößt ihre Vulva vor der Göttin. Und Demeter lacht. Zum ersten Mal seit dem Verschwinden ihrer Tochter lacht sie. Und mit diesem Lachen wird auch die Erde wieder fruchtbar.
Das rituelle Entblößen der Vulva – Anasyrma genannt – findet sich in vielen Mythologien. Weitere Beispiele: In Ägypten hebt die Göttin Hathor ihr Kleid vor dem Sonnengott Re. In Japan vollführt Ame-no-Uzume eine ähnliche Geste vor der Sonnengöttin Amaterasu. Immer dasselbe Muster: Eine Krisensituation, und eine Figur, die durch das Zeigen ihrer Vulva Lachen und Lebendigkeit zurückbringt.
Die Geste ist nicht pornographisch. Sie ist heilsam. Sie ist eine therapeutische Intervention: Demeter ist erstarrt in ihrer Trauer, gefangen. Baubo holt sie mit einer völlig unerwarteten, absurden Geste heraus – durch Überraschung, zurück ins Leben, ins Lachen, ins Hier und Jetzt.
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Performanceprojekt 'speculative bitches'
Das Projekt “speculative bitches” von Nuray Demir von 2019 war ein feministisches performatives Archiv gegen das Vergessen.
Es wurden vergessene mythologische Frauenfiguren untersucht und performativ wieder aufgerufen.
Ich war für Video und die visuellen Recherchen zuständig. Das Team arbeitete mit verschiedenen weiblichen Göttinnen wie Baubo, Kali, Gorgo und Isis sowie mit zeitgenössischen Bezügen zu diesen Figuren.
Was in unserer Arbeit sichtbar wurde: eine Entwicklung über Jahrtausende. Von den prähistorischen Venus-Figuren – 25.000 Jahre alt, üppig, mit betonten Vulven – über die breitbeinige Baubo, die aktiv-aggressive Gorgo oder Kali, die schöpferische Isis, hin zu zarten Marias.
Das Video ist eine visuelle Skizze aus dieser Arbeitszeit – ein kleines Fotoalbum unserer Vorfahrinnen. Geschichten von Vielfalt und Einschränkung, von expandierenden Körpern und welchen, die schmaler werden müssen.
Über das, was oft so selbstverständlich scheint, und doch nie war.
Über "vergessene" Familienbilder. Upps!
Über verrufene Tanten und ihre obszönen Verwandschaften.
Und vielleicht, beim Anschauen, wird es auch zu einem Portrait von uns allen. Unseren Familienbildern. Unseren verrufenen Verwandten.